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Fremdgehen Statistik Deutschland — Was die Zahlen zeigen
Wie viele Menschen gehen wirklich fremd? Sind es mehr Männer oder Frauen? Und stimmt es, dass Untreue zunimmt? Diese Fragen beschäftigen nicht nur Betroffene — sie treiben auch die Forschung an. In diesem Artikel werfen wir einen nüchternen Blick auf die wichtigsten Statistiken zu Fremdgehen in Deutschland und ordnen ein, was die Zahlen tatsächlich aussagen.
Wichtiger Hinweis: Dieser Artikel ersetzt keine professionelle Beratung oder Therapie. Wenn Sie sich in einer akuten Krise befinden, wenden Sie sich an die Telefonseelsorge: 0800-1110111 (kostenlos, 24/7).
Wie viele Menschen gehen fremd? — Ein Überblick
Die ehrliche Antwort lautet: Es kommt darauf an, wen man fragt — und wie man „Fremdgehen“ definiert. Je nach Studie, Methodik und Definition schwanken die Zahlen erheblich. Das liegt vor allem an drei Faktoren:
- Soziale Erwünschtheit: Untreue ist stigmatisiert. Viele Menschen geben in Befragungen nicht ehrlich an, ob sie fremdgegangen sind — besonders in persönlichen Interviews.
- Definition von Untreue: Zählt nur körperliche Untreue? Oder auch emotionale Affären, Online-Flirts, sexuelle Fantasien? Je breiter die Definition, desto höher die Zahlen.
- Erhebungsmethode: Anonyme Online-Befragungen liefern in der Regel höhere Werte als telefonische oder persönliche Interviews (Whisman & Snyder, 2007).
Trotz dieser Einschränkungen zeichnen die vorhandenen Studien ein relativ konsistentes Bild: Zwischen 20 und 30 Prozent der Menschen in festen Beziehungen geben an, mindestens einmal fremdgegangen zu sein.
Deutsche Studien und Umfragen
Für Deutschland gibt es mehrere relevante Datenquellen, die ein differenziertes Bild zeichnen.
ElitePartner-Studie 2020
Die wohl am häufigsten zitierte deutsche Erhebung zu Untreue stammt von der Online-Partnervermittlung ElitePartner, die regelmäßig repräsentative Befragungen durchführt. Die Ergebnisse der Studie 2020:
- 31 % der Frauen gaben an, in einer Beziehung schon einmal fremdgegangen zu sein.
- 27 % der Männer beantworteten diese Frage mit Ja.
- Dieses Ergebnis war überraschend, da es dem gängigen Klischee widerspricht, dass Männer häufiger fremdgehen als Frauen.
Die Stichprobe umfasste über 6.000 Erwachsene in Deutschland und wurde online durchgeführt — ein Format, das tendenziell ehrlichere Antworten bei sensiblen Themen begünstigt.
Einordnung: ElitePartner-Studien sind methodisch solide, aber die Stichprobe stammt aus dem Umfeld einer Partnervermittlung. Dies könnte die Ergebnisse in beide Richtungen beeinflussen — einerseits sind die Befragten möglicherweise offener für neue Beziehungen, andererseits sind sie überdurchschnittlich reflektiert in Beziehungsfragen.
IFES-Studie und weitere Erhebungen
Das Institut für empirische Sozialforschung (IFES) hat in verschiedenen Erhebungen ähnliche Größenordnungen ermittelt. Im deutschsprachigen Raum zeigen sich wiederholt Werte zwischen 25 und 35 Prozent Lebenszeitprävalenz — also dem Anteil der Menschen, die mindestens einmal in ihrem Leben untreu waren.
Weitere relevante Datenpunkte aus deutschen Erhebungen:
- In der Altersgruppe 30–50 sind die Werte am höchsten — hier geben bis zu 40 % der Befragten Erfahrungen mit Untreue an.
- Jüngere Generationen (18–29) zeigen niedrigere Werte, was aber auch daran liegen kann, dass sie schlicht weniger Beziehungsjahre hinter sich haben.
- Die Dunkelziffer wird von Forscher:innen auf weitere 10–15 Prozentpunkte geschätzt.
Internationale Vergleichszahlen
Um die deutschen Zahlen einzuordnen, lohnt ein Blick über die Landesgrenzen hinaus.
Eine umfassende Meta-Analyse von Warach und Josephs (2024) wertete Studien aus mehreren Jahrzehnten und Ländern aus und kam zu folgenden Durchschnittswerten:
- 17,45 % gaben sexuelle Untreue an (nur körperliches Fremdgehen).
- 27,5 % gaben emotionale Untreue an (tiefe emotionale Bindung zu einer Person außerhalb der Beziehung).
- Die kombinierten Werte lagen noch höher, da viele Affären sowohl emotionale als auch sexuelle Komponenten umfassen.
Mark Whisman (2007) schätzte in einer US-amerikanischen Studie die jährliche Prävalenz (also den Anteil der Menschen, die innerhalb eines einzelnen Jahres fremdgehen) auf etwa 2–4 %. Das klingt niedrig, summiert sich aber über eine 20-jährige Ehe auf eine beträchtliche Wahrscheinlichkeit.
Im europäischen Vergleich liegt Deutschland im Mittelfeld. Südeuropäische Länder wie Frankreich und Italien zeigen tendenziell höhere Werte, skandinavische Länder ähnliche wie Deutschland.
Geschlechterunterschiede — Mythos und Realität
Das wohl hartnäckigste Klischee rund um Untreue lautet: „Männer gehen häufiger fremd als Frauen.“ Die aktuelle Forschung zeichnet ein differenzierteres Bild.
Historisch zeigten Studien tatsächlich höhere Werte bei Männern. Doch dieser Geschlechterunterschied schrumpft seit Jahren. Die ElitePartner-Studie 2020 zeigte sogar leicht höhere Werte bei Frauen (31 % vs. 27 %). Auch internationale Studien bestätigen den Trend: Insbesondere bei jüngeren Generationen sind die Unterschiede zwischen den Geschlechtern minimal geworden (Mark, Janssen & Milhausen, 2011).
Die Gründe dafür sind vielfältig:
- Gesellschaftlicher Wandel: Die Stigmatisierung weiblicher Sexualität nimmt ab, was zu ehrlicheren Antworten in Befragungen führt.
- Wirtschaftliche Unabhängigkeit: Frauen sind heute finanziell unabhängiger und damit weniger an eine Beziehung gebunden.
- Digitale Möglichkeiten: Dating-Apps und Social Media haben die Gelegenheitsstruktur für beide Geschlechter gleichermaßen verändert.
Was sich unterscheidet, ist oft die Art der Untreue: Männer berichten häufiger von rein sexuellen Affären, während Frauen häufiger emotionale Untreue angeben — wobei auch diese Unterscheidung mit der Zeit verschwimmt.
Alter, Beziehungsdauer und andere Faktoren
Neben dem Geschlecht gibt es weitere Faktoren, die die Wahrscheinlichkeit von Untreue beeinflussen. Mark, Janssen und Milhausen (2011) identifizierten in ihrer Forschung mehrere relevante Prädiktoren:
- Beziehungsdauer: Das Risiko steigt mit der Dauer der Beziehung — nicht linear, aber besonders in den Jahren 5–15 gibt es eine erhöhte Vulnerabilität.
- Beziehungszufriedenheit: Wenig überraschend: Unzufriedene Partner:innen gehen häufiger fremd. Aber auch in als „gut“ bewerteten Beziehungen kommt Untreue vor — etwa 56 % der untreuen Männer und 34 % der untreuen Frauen in einer US-Studie bewerteten ihre Beziehung als „glücklich“ (Mark et al., 2011).
- Sexuelle Unzufriedenheit: Ein stärkerer Prädiktor als allgemeine Beziehungsunzufriedenheit, besonders bei Männern.
- Persönlichkeitsmerkmale: Höhere Werte bei Sensation Seeking und niedrigere bei Gewissenhaftigkeit korrelieren mit höherer Untreue-Wahrscheinlichkeit.
- Gelegenheit: Häufige Geschäftsreisen, ein soziales Umfeld, in dem Untreue normalisiert wird, und zunehmende digitale Kontaktmöglichkeiten erhöhen das Risiko.
Wichtig: Diese Faktoren erhöhen die statistische Wahrscheinlichkeit — sie sind keine Entschuldigung und kein Automatismus. Menschen sind nicht Opfer ihrer Umstände, sondern treffen bewusste Entscheidungen.
Was die Zahlen über uns verraten — und was nicht
Statistiken über Fremdgehen sind faszinierend — und gleichzeitig begrenzt in ihrer Aussagekraft. Was sie uns zeigen:
- Untreue ist kein Randphänomen. Wenn etwa jede:r Vierte bis Dritte Erfahrungen mit Untreue hat, ist es ein Thema, das viele Beziehungen betrifft — direkt oder indirekt.
- Es gibt kein „typisches“ Profil. Untreue zieht sich durch alle Altersgruppen, Bildungsschichten und Beziehungsformen.
- Die Geschlechterlücke schließt sich. Das alte Narrativ „Männer gehen fremd, Frauen leiden“ stimmt so nicht mehr.
Was die Zahlen nicht zeigen:
- Individuelle Umstände: Hinter jeder Statistik stehen Menschen mit individuellen Geschichten, Motiven und Schmerzen. Eine Zahl sagt nichts über Ihre konkrete Situation.
- Kausalität: Die Studien zeigen Korrelationen, keine eindeutigen Ursache-Wirkungs-Beziehungen.
- Die ganze Wahrheit: Aufgrund der sozialen Erwünschtheit sind alle Zahlen wahrscheinlich Untergrenzen.
Wenn Sie sich fragen, wo Ihre eigene Beziehung steht — nicht statistisch, sondern ganz persönlich — kann eine erste Selbsteinschätzung helfen. Der Beziehungstest bietet eine strukturierte Möglichkeit, Ihre Beziehungszufriedenheit zu reflektieren.
Häufig gestellte Fragen
Wie viel Prozent der Deutschen gehen fremd?
Je nach Studie und Definition geben zwischen 25 und 35 Prozent der Deutschen an, mindestens einmal in einer Beziehung fremdgegangen zu sein. Die ElitePartner-Studie 2020 ermittelte 31 % bei Frauen und 27 % bei Männern. Die tatsächlichen Zahlen dürften aufgrund sozialer Erwünschtheit noch höher liegen.
Gehen Männer wirklich häufiger fremd als Frauen?
Dieser Unterschied schrumpft seit Jahren. Während ältere Studien höhere Werte bei Männern zeigten, sind die Geschlechterunterschiede in aktuellen Erhebungen minimal. Die ElitePartner-Studie 2020 zeigte sogar leicht höhere Werte bei Frauen. Expert:innen vermuten, dass Frauen in der Vergangenheit schlicht seltener ehrlich geantwortet haben.
In welchem Alter wird am häufigsten fremdgegangen?
Die höchsten Werte zeigen sich in der Altersgruppe 30 bis 50 Jahre. Das liegt vermutlich an der Kombination aus längerer Beziehungsdauer, beruflichen Gelegenheiten und Lebensphasen wie der sogenannten „Midlife-Krise“. Aber auch ältere und jüngere Altersgruppen sind keineswegs „immun“.
Kann man Statistiken über Fremdgehen überhaupt vertrauen?
Eingeschränkt. Alle Studien zu Untreue kämpfen mit dem Problem der sozialen Erwünschtheit — Menschen neigen dazu, ihr Verhalten positiver darzustellen, als es ist. Anonyme Online-Befragungen liefern tendenziell ehrlichere Antworten als persönliche Interviews. Die vorhandenen Zahlen sind daher wahrscheinlich konservative Schätzungen.
Fazit
Die Statistiken zeigen: Fremdgehen ist kein seltenes Phänomen — es betrifft Millionen von Beziehungen in Deutschland. Gleichzeitig sagen Zahlen wenig über individuelle Schicksale aus. Wenn Sie von Untreue betroffen sind, sind Sie nicht allein — und die Tatsache, dass es „vielen so geht“, macht Ihren Schmerz nicht kleiner, aber vielleicht weniger einsam.
Ob Sie verstehen möchten, was in Ihrer Beziehung passiert ist, oder ob Sie präventiv an Ihrer Partnerschaft arbeiten wollen: Der erste Schritt ist immer, hinzuschauen — ehrlich und ohne Vorurteile. Der Beziehungstest von PaarBalance kann dabei ein guter Anfang sein.
Quellen
- ElitePartner (2020). ElitePartner-Studie 2020: Treue und Untreue in deutschen Beziehungen. Hamburg: ElitePartner.
- Mark, K. P., Janssen, E. & Milhausen, R. R. (2011). The roles of individual differences in sexual desire and sexual arousal in predicting infidelity. Archives of Sexual Behavior, 40(6), 1121–1130.
- Warach, B. & Josephs, L. (2024). The prevalence of infidelity: A meta-analysis. Journal of Social and Personal Relationships, 41(1), 69–92.
- Whisman, M. A. & Snyder, D. K. (2007). Sexual infidelity in a national survey of American women: Differences in prevalence and correlates as a function of method of assessment. Journal of Family Psychology, 21(2), 147–154.
Autor: Redaktion Fremdgehen-Hilfe
Hinweis: Dieser Artikel dient ausschließlich der Information und ersetzt keine professionelle Beratung oder Therapie. Wenn Sie sich in einer akuten Krise befinden, wenden Sie sich an die Telefonseelsorge: 0800-1110111 (kostenlos, 24/7).
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