Das Wichtigste in Kürze
- Eine Affäre definiert sich über drei Merkmale: Intimität, Geheimhaltung und Grenzüberschreitung (Glass, 2003).
- Emotionale Untreue ist mit 27,5 % häufiger als sexuelle Untreue mit 17,45 % (Warach & Josephs, 2024).
- Der Unterschied zwischen Affäre und Seitensprung liegt in Dauer, emotionaler Tiefe und Systematik der Geheimhaltung.
- Glass‘ Selbsttest: ‚Würde ich mich unwohl fühlen, wenn mein Partner dieses Gespräch mithören könnte?‘
Was genau ist eine Affäre?
Die Paartherapeutin und Forscherin Shirley Glass definiert eine Affäre über drei Merkmale (Glass, 2003):
- Emotionale oder sexuelle Intimität mit einer Person außerhalb der Beziehung
- Geheimhaltung — der Partner weiß nicht davon oder nicht das volle Ausmaß
- Grenzüberschreitung — ein Bruch der (expliziten oder impliziten) Vereinbarungen der Partnerschaft
Entscheidend ist dabei: Nicht die Handlung allein definiert die Affäre, sondern die Kombination aus Intimität und Geheimhaltung. Ein offen kommunizierter Kontakt zu einer anderen Person — selbst ein enger — ist keine Affäre. Eine heimliche emotionale Verbindung, über die bewusst geschwiegen wird, kann eine sein.
Warach und Josephs (2024) bestätigen in ihrer Meta-Analyse zur Prävalenz von Untreue, dass die Definition maßgeblich beeinflusst, welche Zahlen Studien liefern. Je weiter die Definition gefasst ist (z. B. einschließlich emotionaler Untreue und Online-Kontakten), desto höher die gemessene Verbreitung.
Welche Arten von Affären gibt es?
Sexuelle Affäre
Die „klassische“ Form: körperliche Intimität mit einer Person außerhalb der Beziehung. Die Bandbreite reicht vom einmaligen Seitensprung bis zur langjährigen Zweitbeziehung. Warach und Josephs (2024) berichten in ihrer Meta-Analyse eine durchschnittliche Lebenszeitprävalenz von 17,45 % für sexuelle Untreue.
Merkmale:
- Körperlicher Kontakt jenseits freundschaftlicher Grenzen
- Oft, aber nicht immer, begleitet von emotionaler Komponente
- Kann einmalig sein oder sich über Monate und Jahre erstrecken
Emotionale Affäre
Eine emotionale Affäre liegt vor, wenn eine Person eine tiefe emotionale Bindung zu jemandem außerhalb der Beziehung aufbaut — mit Intimität, Vertrauen und Nähe, die eigentlich dem Partner vorbehalten sind. Körperlicher Kontakt muss nicht stattfinden.
Glass (2003) argumentiert, dass emotionale Affären in manchen Fällen zerstörerischer sein können als sexuelle, weil sie das Fundament der Beziehung — die emotionale Exklusivität — direkt angreifen. Die Prävalenz liegt laut Warach und Josephs (2024) bei 27,5 % — deutlich höher als bei sexueller Untreue.
Merkmale:
- Intensive persönliche Gespräche, die dem Partner vorenthalten werden
- Das Gefühl, von der anderen Person „wirklich verstanden“ zu werden
- Vergleiche zwischen Partner und Affärenperson
- Geheimhaltung der Tiefe dieser Verbindung
Mehr dazu in unserem Artikel über emotionale Affären.
Online-Affäre
Mit der Digitalisierung ist eine neue Form entstanden: Affären, die ausschließlich oder überwiegend online stattfinden — über Messenger, Social Media, Dating-Apps oder Videoanrufe. Die Grenzen zwischen Flirt und Affäre verschwimmen hier besonders stark.
Merkmale:
- Sexting, intime Fotos, erotische Chats
- Emotionale Bindung über digitale Kanäle
- Oft rationalisiert als „Es ist ja nichts Echtes passiert“
- Kann besonders schwer zu entdecken sein
Arbeitsplatz-Affäre
Der Arbeitsplatz ist einer der häufigsten Orte, an denen Affären entstehen — nicht aus Absicht, sondern aus Gelegenheit. Die tägliche Nähe, gemeinsame Projekte und geteilter Stress schaffen eine Intimität, die sich schleichend entwickelt. Glass (2003) beschreibt das „Window-Wall“-Modell: Arbeitskollegen teilen ein Fenster der Offenheit, das zum Partner hin zur Mauer wird.
Einmal-Seitensprung
Ein einmaliger sexueller Kontakt außerhalb der Beziehung — oft im Kontext von Alkohol, Reisen oder Gelegenheit. Obwohl der Seitensprung kürzer dauert als eine Affäre, kann der Schaden für das Vertrauen ebenso groß sein.
Was ist der Unterschied zwischen Affäre und Seitensprung?
Im alltäglichen Sprachgebrauch werden die Begriffe oft synonym verwendet. In der Fachliteratur gibt es eine Unterscheidung:
| Seitensprung | Affäre | |
|---|---|---|
| Dauer | Einmalig oder sehr kurz | Über einen längeren Zeitraum |
| Emotionale Tiefe | Gering bis keine | Oft stark ausgeprägt |
| Planung | Häufig spontan | Häufig bewusst aufrechterhalten |
| Geheimhaltung | Punktuell | Systematisch |
| Beziehungscharakter | Kein Beziehungscharakter | Parallelbeziehung |
Perel (2017) betont allerdings, dass diese Unterscheidung aus Sicht der betrogenen Person oft irrelevant ist: Der Schmerz entsteht nicht primär durch die Dauer oder Art des Kontakts, sondern durch den Vertrauensbruch — die Lüge, die Geheimhaltung, das Gefühl, hintergangen worden zu sein.
Ab wann ist es eine Affäre?
Diese Frage stellen sich viele Menschen — oft, weil sie selbst unsicher sind, ob ihr Verhalten bereits eine Grenze überschreitet. Glass (2003) schlägt einen einfachen Selbsttest vor:
„Würden Sie sich unwohl fühlen, wenn Ihr Partner dieses Gespräch mithören könnte? Würden Sie sich anders verhalten, wenn Ihr Partner im Raum wäre?“
Wenn die Antwort „Ja“ lautet, ist eine Grenze bereits verschoben — auch wenn noch nichts „Konkretes“ passiert ist.
Weitere Warnsignale:
- Sie löschen Nachrichten, bevor Ihr Partner sie sehen könnte
- Sie erzählen dem anderen Menschen Dinge, die Sie Ihrem Partner vorenthalten
- Sie denken häufig an die andere Person und vergleichen sie mit Ihrem Partner
- Sie verheimlichen Treffen oder spielen deren Bedeutung herunter
- Sie fühlen sich bei der anderen Person lebendiger als in Ihrer Beziehung
Keine dieser Handlungen ist für sich genommen eine Affäre. Aber zusammengenommen zeigen sie ein Muster, das Glass als „Grenzerosion“ beschreibt — den schleichenden Übergang von Freundschaft zu Untreue. Unser Artikel zum typischen Verlauf einer Affäre beschreibt diesen Prozess in seinen 7 Phasen.
Ist eine emotionale Affäre genauso schlimm wie eine sexuelle?
Die kurze Antwort: Es kommt darauf an — aber oft: ja.
Glass (2003) zeigt in ihrer klinischen Forschung, dass emotionale Affären für die betrogene Person oft schmerzhafter sind als rein sexuelle Seitensprünge. Der Grund: Bei einer sexuellen Affäre kann sich die betrogene Person sagen „Es war nur Sex, es hat nichts bedeutet.“ Bei einer emotionalen Affäre steht genau das infrage — die emotionale Exklusivität, das Gefühl, der wichtigste Mensch im Leben des Partners zu sein.
Carpenter (2012) zeigt in seiner Meta-Analyse, dass es geschlechtsspezifische Unterschiede gibt: Frauen reagieren tendenziell stärker auf emotionale Untreue, Männer stärker auf sexuelle. Aber diese Unterschiede sind statistischer Natur — im Einzelfall kann es völlig anders sein.
Was beide Formen gemeinsam haben: Der Vertrauensbruch und die Geheimhaltung sind der eigentliche Kern des Schmerzes. Nicht die Art der Intimität entscheidet über die Schwere, sondern die Tiefe des Betrugs.
Wie lange dauert eine Affäre im Durchschnitt?
Die Forschung zeigt eine große Bandbreite:
- Einmalige Seitensprünge: Ein Abend
- Kurzaffären: Einige Wochen bis 3 Monate
- Langzeitaffären: 6 Monate bis mehrere Jahre
- Emotionale Affären: Oft die längste Dauer — manchmal Jahre, weil die Abwesenheit physischer Intimität die Rationalisierung erleichtert
Blow und Hartnett (2005) berichten, dass die durchschnittliche Dauer einer Affäre bei etwa 6 bis 24 Monaten liegt, wobei Arbeitsplatz-Affären tendenziell länger dauern als andere Formen.
Entscheidend für die Verarbeitung ist weniger die Dauer als die emotionale Tiefe: Eine kurze, aber intensiv emotionale Affäre kann mehr Schaden anrichten als eine längere, rein sexuelle Beziehung.
Was tun, wenn Sie eine Affäre entdeckt haben?
Wenn Sie gerade erfahren haben, dass Ihr Partner eine Affäre hatte oder hat, befinden Sie sich wahrscheinlich im Schockzustand. Ein paar erste Orientierungspunkte:
- Treffen Sie jetzt keine endgültigen Entscheidungen. Die erste Reaktion ist selten die beste Grundlage für langfristige Entscheidungen.
- Suchen Sie sich Unterstützung. Eine Vertrauensperson, ein Therapeut oder ein strukturiertes Programm wie der PaarBalance-Beziehungstest können helfen, die Situation einzuordnen.
- Informieren Sie sich. Verstehen, was passiert ist, ist der erste Schritt zur Verarbeitung. Unser Ratgeber zum Fremdgehen bietet einen umfassenden Überblick.
- Geben Sie sich Zeit. Die Verarbeitung einer Affäre dauert Monate, nicht Tage.
Mehr dazu in unserem ausführlichen Leitfaden Affäre verarbeiten.
Häufig gestellte Fragen
Ist Flirten bereits Fremdgehen?
Das hängt von den Vereinbarungen in Ihrer Beziehung ab. In der Forschung zählt Flirten in der Regel nicht als Affäre, solange keine emotionale Intimität und keine Geheimhaltung im Spiel sind. Problematisch wird es, wenn der Flirt heimlich stattfindet und eine emotionale Tiefe erreicht, die über Höflichkeit hinausgeht.
Zählt Sexting als Affäre?
Nach der Definition von Glass (2003) — ja, wenn es die drei Kriterien erfüllt: Intimität (sexuell oder emotional), Geheimhaltung und Grenzüberschreitung. Sexting beinhaltet sexuelle Intimität und wird in der Regel vor dem Partner verborgen. Die Tatsache, dass kein physischer Kontakt stattfindet, ändert nichts am Vertrauensbruch.
Kann man eine Affäre unbewusst führen?
In gewissem Sinne ja — besonders in der Anfangsphase. Glass (2003) beschreibt, wie emotionale Affären sich so schleichend entwickeln können, dass die betroffene Person lange nicht erkennt, dass eine Grenze überschritten wurde. „Wir sind nur befreundet“ ist die häufigste Selbsttäuschung. Der Selbsttest oben kann helfen, Klarheit zu schaffen.
Wie häufig sind Affären in Deutschland?
Exakte Zahlen sind schwer zu ermitteln, da Selbstauskünfte über Untreue notorisch unzuverlässig sind. Warach und Josephs (2024) berichten in ihrer internationalen Meta-Analyse durchschnittliche Lebenszeitprävalenzen von 17,45 % für sexuelle und 27,5 % für emotionale Untreue. Deutsche Studien liegen in ähnlichen Bereichen, wobei die Zahlen je nach Definition und Erhebungsmethode stark schwanken.
Was ist schlimmer — eine emotionale oder eine sexuelle Affäre?
Es gibt keine objektiv „schlimmere“ Form. Was zählt, ist Ihr persönliches Erleben. Manche Menschen können einen einmaligen sexuellen Seitensprung leichter verzeihen als eine monatelange emotionale Verbindung — und umgekehrt. Entscheidend für die Verarbeitung ist nicht die Art der Affäre, sondern die Bereitschaft beider Partner, ehrlich miteinander umzugehen und an der Beziehung zu arbeiten.
Weiterführende Artikel:
- Fremdgehen: Ursachen, Folgen & Wege aus der Krise — Unser umfassender Ratgeber
- Emotionale Affäre: Wenn Gefühle die Grenze überschreiten — Vertiefung zum Thema emotionale Untreue
- Die 7 Phasen einer Affäre — Der typische Verlauf
- Seitensprung-Statistik Deutschland — Zahlen und Fakten
Quellen:
- Blow, A. J., & Hartnett, K. (2005). Infidelity Trends, Patterns, and Processes. In F. P. Piercy, K. M. Hertlein, & J. L. Wetchler (Eds.), Handbook of the Clinical Treatment of Infidelity (pp. 5–22). New York: Haworth Press.
- Carpenter, C. J. (2012). Meta-Analyses of Sex Differences in Responses to Sexual Versus Emotional Infidelity. Psychology of Women Quarterly, 36(1), 25–37.
- Glass, S. P. (2003). Not „Just Friends“: Rebuilding Trust and Recovering Your Sanity After Infidelity. New York: Free Press.
- Perel, E. (2017). The State of Affairs: Rethinking Infidelity. New York: Harper.
- Warach, B., & Josephs, L. (2024). The Prevalence of Infidelity: A Multi-Level Meta-Analysis. Archives of Sexual Behavior, 53, 1189–1214.
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