Warum tut Fremdgehen so weh, dass es sich anfühlt, als würde der Boden unter den Füßen wegbrechen? Wenn Sie sich diese Frage stellen, sind Sie nicht überempfindlich und Sie stellen sich auch nicht an. Der Schmerz nach Fremdgehen ist real, und er hat einen Namen. Wie stark Sie reagieren, lässt sich nicht an Ihrer Charakterstärke messen. Gedanken und Körper können nach einem Vertrauensbruch belastet sein; wie, ist individuell.
Dieser Artikel erklärt, warum Betrug so schmerzhaft ist, ohne den Schmerz kleinzureden. Ein möglicher Schritt ist, die eigene Reaktion besser einzuordnen und sich dafür nicht zusätzlich zu verurteilen. Es geht hier nicht darum, wie man Vertrauen wieder aufbaut, sondern darum, den überwältigenden Schmerz selbst zu verstehen und ihm seine Würde zurückzugeben.
Betrug ist eine Bindungsverletzung
Der Mensch ist ein Bindungswesen. Von Geburt an sind wir darauf angelegt, uns an wenige, wichtige Personen zu binden, bei denen wir Schutz, Trost und Sicherheit finden. In einer Partnerschaft wird der Partner oder die Partnerin genau zu dieser sicheren Bindungsfigur: der Mensch, zu dem wir laufen, wenn die Welt bedrohlich wird.
Die Paartherapeutin Sue Johnson, Mitbegründerin der Emotionsfokussierten Therapie (EFT), beschreibt Betrug deshalb als eine „attachment injury“, eine Bindungsverletzung (Johnson, 2008). Das Verheerende daran: Ausgerechnet der Mensch, der Schutz bieten sollte, wird selbst zur Quelle der Bedrohung. Der sichere Hafen wird zum Ort des Sturms. Das kann mit erklären, warum sich der Schmerz für manche Menschen anders anfühlt als andere Enttäuschungen. Es kann sich anfühlen, als sei neben einer gemeinsamen Regel auch die Verlässlichkeit der Beziehung infrage gestellt. Mehr über die Mechanik dieses Bruchs lesen Sie in unserem Beitrag zum Vertrauensbruch.
Warum es sich wie ein Trauma anfühlt
Viele Betroffene beschreiben Symptome, die sie erschrecken: aufdringliche Bilder, Schlaflosigkeit, Herzrasen, das ständige Wiederkehren derselben Gedanken, ein Gefühl der Unwirklichkeit. Das sind keine Zeichen von Schwäche. Solche Reaktionen können nach einer Entdeckung auftreten und ähneln Beschreibungen einer traumatischen Reaktion (Glass, 2003). Ob eine behandlungsbedürftige Störung vorliegt, kann nur fachlich beurteilt werden.
Auch die Beschreibung von Glass (2003) ist eine Einordnung möglicher Reaktionen, keine Diagnose Ihres Erlebens. Manche Menschen fühlen sich zunächst weniger sicher. Wenn Sie feststellen, dass die Gedanken nicht zur Ruhe kommen und immer wieder um dieselben Fragen kreisen, dürfen Sie das ernst nehmen; unser Artikel Gedanken kreisen nach Fremdgehen geht darauf genauer ein.
Warum kann der Schmerz nach einem Betrug so tief gehen und das vertraute Sicherheitsgefühl erschüttern? Ronnie Janoff-Bulman (1992) beschreibt in ihrer Arbeit zu traumatischen Ereignissen, wie Annahmen über Sicherheit und Verlässlichkeit ins Wanken geraten können. Diese Forschung bezieht sich nicht eigens auf Untreue und beweist keine bestimmte Reaktion nach einem Betrug. Vielleicht hatten Sie bisher die Erwartung, sich auf wichtige Menschen verlassen zu können. Nach einer Entdeckung kann sich diese Erwartung für manche Menschen unsicher anfühlen. Vielleicht fragen Sie sich: Wenn das, was ich für sicher hielt, nicht sicher war, worauf kann ich mich dann verlassen? Andere erleben die Entdeckung anders; beides braucht kein festes Etikett.
Warum kann sich der Schmerz sogar körperlich anfühlen? In einer Hirnbildstudie sahen Menschen nach einer ungewollten Trennung ein Foto ihres früheren Partners und dachten an die Zurückweisung. Dabei waren auch Regionen aktiv, die an der Verarbeitung körperlichen Schmerzes beteiligt sind (Kross et al., 2011). Untersucht wurde eine Trennung, nicht Untreue; überlappende Aktivierung bedeutet nicht, dass beides derselbe Schmerz ist. Zur Studie.
Wenn neben Vertrauen auch das eigene Weltbild wankt
Für manche Menschen geht nach der Entdeckung nicht nur Vertrautes in der Beziehung verloren. Auch das Bild von sich selbst oder der gemeinsamen Geschichte kann ins Wanken geraten.
Vielleicht trauern Sie um die Beziehung, wie Sie sie kannten, oder um Pläne für die Zukunft. Vielleicht zweifeln Sie auch an der eigenen Wahrnehmung und fragen sich: Waren die schönen Momente echt? Habe ich etwas übersehen? Diese Fragen können auftreten, müssen es aber nicht.
Wenn solche Fragen Sie beschäftigen, dürfen Sie sie in Ihrem Tempo ordnen. Es gibt keine Pflicht, den Betrug schnell hinter sich zu lassen. Wie dieser Prozess aussehen kann, beschreiben wir im Beitrag Affäre verarbeiten.
Warum „stell dich nicht so an“ falsch ist
Vielleicht haben Sie schon gehört, Sie sollten das doch langsam mal überwinden, oder es sei doch „nur“ Sex gewesen. Solche Sätze verkennen vollständig, was tatsächlich passiert ist.
Wie Sie auf den Betrug reagieren, muss niemand an einer Vorstellung von richtigem Schmerz messen. Manche Menschen weinen, andere fühlen sich zunächst wie betäubt. Beides sagt nichts darüber aus, wie ernst Ihnen die Beziehung war. Wenn der Schmerz Sie stark trifft, dürfen Sie ihn ernst nehmen, ohne ihn vor anderen rechtfertigen zu müssen.
Es ist auch völlig normal, dass Gefühle sich widersprechen: Wut und Sehnsucht, Abscheu und Vermissen können nebeneinander existieren. Wenn Sie sich dabei ertappen, den Partner oder sogar die zerbrochene Beziehung zu vermissen, obwohl er Sie verletzt hat, sind Sie nicht verrückt; dieses paradoxe Gefühl ist Thema unseres Artikels Affäre vermissen. Sie dürfen Ihren Schmerz ernst nehmen, ohne sich für ihn zu schämen.
Wenn Sie einordnen möchten, wo Ihre Beziehung gerade steht, kann ein kostenloser, wissenschaftlich fundierter Beziehungstest eine erste Orientierung geben.
Warum gerade Vertrauen so zentral ist
Um zu verstehen, warum Betrug so schmerzhaft ist, lohnt ein Blick darauf, welche Rolle Vertrauen für eine Bindung überhaupt spielt. Der Paarforscher John Gottman beschreibt Vertrauen und Commitment als das eigentliche Fundament einer intimen Beziehung (Gottman, 2011). Vertrauen bedeutet demnach die tiefe Gewissheit, dass der andere die eigenen Interessen im Blick hat, auch wenn man selbst nicht hinschaut.
Für manche gerät dieses Vertrauen nach einem Betrug ins Wanken. Es kann sich anfühlen, als hätte der andere sich gegen das gemeinsame Wir entschieden. Wenn Vertrauen für Sie ein Fundament der Beziehung war, kann sein Verlust besonders tief schmerzen.
Was Ihnen im Umgang mit dem Schmerz helfen kann
Niemand kann Ihnen einen festen Weg vorgeben, auf dem der Schmerz nachlässt. Die folgenden Möglichkeiten sind Anregungen, keine Pflicht und kein Heilungsversprechen:
- Anerkennung. Wenn es Ihnen hilft, dürfen Sie Ihren Schmerz benennen, ohne sich dafür zu verurteilen.
- Zeit. Es gibt keinen festen Zeitplan dafür, wie sich Ihr Erleben verändert.
- Einordnung. Wenn Sie möchten, können Sie mit einer vertrauten Person über das Erlebte sprechen oder Ihre Gedanken für sich ordnen.
- Professionelle Begleitung, wenn Sie sie möchten. Sie dürfen sich auch früh Unterstützung holen. Eine Fachperson kann mit Ihnen klären, welche Art der Begleitung zu Ihrer Situation passt; eine bestimmte Wirkung lässt sich aus diesem Artikel nicht versprechen.
Wann Sie sich Unterstützung holen sollten
Wenn Gedanken an den Betrug Schlaf, Arbeit oder Alltag stark bestimmen, dürfen Sie sich Unterstützung holen – auch sofort, ohne erst Wochen abzuwarten. Eine kleine Studie mit Frauen nach Untreue des Ehemanns oder drohender Trennung zeigt, dass solche belastenden Ereignisse ernst genommen werden sollten; sie erlaubt keine Diagnose für Ihren Einzelfall (Cano & O’Leary, 2000). Zur Studie. Sprechen Sie mit Ihrer Hausarztpraxis oder informieren Sie sich über eine psychotherapeutische Sprechstunde beim Patientenservice 116117. Wenn Sie jetzt jemanden zum Zuhören brauchen, erreichen Sie die Telefonseelsorge kostenlos und anonym unter 0800 111 0 111, 0800 111 0 222 oder 116 123, rund um die Uhr.
Der Betrug wird nicht ungeschehen. Wie sich Ihr Schmerz verändert und was Ihnen Halt gibt, lässt sich nicht vorhersagen. Sie dürfen Ihren eigenen Weg suchen, mit oder ohne den bisherigen Partner.
Und falls Sie diesen Beitrag lesen, weil Sie selbst fremdgegangen sind und erst jetzt spüren, was Ihr Handeln ausgelöst hat: Auch dafür gibt es einen Weg zwischen Selbstverurteilung und Verdrängung. Wir beschreiben ihn im Beitrag Selbstvergebung nach dem Fremdgehen.
Dieser Artikel ersetzt keine professionelle Beratung oder Therapie.
Häufige Fragen (FAQ)
Warum tut Fremdgehen so viel mehr weh als eine normale Enttäuschung?
Ein Betrug kann die Sicherheit in einer wichtigen Bindung infrage stellen. Manche Menschen zweifeln danach auch an ihrer Wahrnehmung oder bisherigen Vorstellungen von Vertrauen. Wie stark Sie betroffen sind, ist individuell.
Ist es normal, dass ich körperliche Symptome wie Schlaflosigkeit oder Herzrasen habe?
Solche Beschwerden können nach einer Entdeckung auftreten und ähneln Beschreibungen einer traumatischen Reaktion (Glass, 2003). Ob dahinter eine Störung steht, kann nur fachlich beurteilt werden. Wenn Schlaf oder Alltag stark beeinträchtigt sind, dürfen Sie früh Hilfe über Ihre Hausarztpraxis oder die psychotherapeutische Sprechstunde suchen (Cano & O’Leary, 2000).
Wie lange dauert es, bis der Schmerz nach Fremdgehen nachlässt?
Dafür gibt es keinen festen Zeitplan. Manche Menschen möchten neben der Beziehung auch ihr Bild von der gemeinsamen Geschichte neu einordnen; andere erleben das anders. Sie dürfen sich Zeit nehmen und Unterstützung suchen, wenn Sie sie möchten.
Bin ich zu empfindlich, wenn mich der Betrug so aus der Bahn wirft?
Nein. Menschen reagieren unterschiedlich auf einen Vertrauensbruch. Starker Schmerz und anfängliche Taubheit sind kein Maßstab dafür, wie wichtig Ihnen die Beziehung war.
Sollte ich mir professionelle Hilfe suchen?
Wenn Sie sich Unterstützung wünschen oder Schlaf und Alltag stark beeinträchtigt sind, dürfen Sie sich auch früh Hilfe holen. Ihre Hausarztpraxis oder eine psychotherapeutische Sprechstunde kann mit Ihnen klären, welche Begleitung zu Ihrer Situation passt.
Ihr Schmerz ist real und verdient Beachtung. Ihn besser einzuordnen kann ein kleiner Schritt sein, ohne dass Sie eine bestimmte Wirkung erwarten müssen. Wenn Sie einen ersten, unverbindlichen Schritt zur Orientierung machen möchten, hilft Ihnen der kostenlose Beziehungstest von PaarBalance, Ihre Situation besser einzuordnen.
Redaktion Fremdgehen-Hilfe
Quellen
- Glass, S. P. (2003). Not „Just Friends“: Rebuilding Trust and Recovering Your Sanity After Infidelity. New York: Free Press.
- Gottman, J. M. (2011). The Science of Trust: Emotional Attunement for Couples. New York: W. W. Norton & Company.
- Janoff-Bulman, R. (1992). Shattered Assumptions: Towards a New Psychology of Trauma. New York: Free Press.
- Johnson, S. M. (2008). Hold Me Tight: Seven Conversations for a Lifetime of Love. New York: Little, Brown and Company.
- Cano, A., & O’Leary, K. D. (2000). Infidelity and separations precipitate major depressive episodes and symptoms of nonspecific depression and anxiety. Journal of Consulting and Clinical Psychology, 68(5), 774–781. DOI.
- Kross, E., Berman, M. G., Mischel, W., Smith, E. E., & Wager, T. D. (2011). Social rejection shares somatosensory representations with physical pain. PNAS, 108(15), 6270–6275. DOI.
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