Warum gehen Menschen fremd? Was die Forschung über die wahren Gründe weiß

Warum gehen Menschen fremd? Kaum eine Frage wird nach einem Seitensprung drängender gestellt — von Betrogenen, die verstehen wollen, was ihnen widerfahren ist, und von denen, die selbst fremdgegangen sind und ihr eigenes Verhalten oft nicht erklären können. Die kurze, unbequeme Antwort der Forschung lautet: Es gibt nicht den einen Grund. Untreue entsteht aus einem Zusammenspiel von Motiven, Gelegenheiten und Verwundbarkeiten — und sie sagt nicht immer das aus, was Betroffene im ersten Schmerz vermuten.

Dieser Artikel ordnet die wichtigsten wissenschaftlichen Befunde ein, ohne zu entschuldigen und ohne zu verurteilen. Verstehen ist nicht Rechtfertigen. Aber wer verstehen will, was passiert ist — um zu verarbeiten, zu verzeihen oder klar zu gehen — braucht ein ehrlicheres Bild als „einmal Betrüger, immer Betrüger“.

Die acht Motive: was Untreue tatsächlich antreibt

Die bislang differenzierteste Untersuchung zu den Beweggründen stammt von Dylan Selterman und Kollegen, die mehrere hundert Menschen, die tatsächlich fremdgegangen waren, nach ihren Motiven befragt haben. Das Ergebnis: acht wiederkehrende Motivgruppen — Wut auf den Partner, nachlassende Liebe, geringe Bindung an die Beziehung, das Gefühl der Vernachlässigung, sexuelles Verlangen, das Bedürfnis nach Abwechslung, der Wunsch nach Selbstwertbestätigung und schlicht die Situation, etwa Alkohol und Gelegenheit (Selterman, Garcia & Tsapelas, 2019).

Bemerkenswert an diesem Befund ist zweierlei. Erstens: Nur ein Teil der Motive hat überhaupt mit der bestehenden Beziehung zu tun. Wer fremdgeht, um sich begehrt zu fühlen oder aus einer Gelegenheit heraus, tut das oft unabhängig davon, wie gut oder schlecht die Partnerschaft läuft. Zweitens: Hinter derselben Handlung können völlig verschiedene innere Geschichten stehen — eine Rache-Affäre und eine Affäre aus Vernachlässigung sind psychologisch kaum verwandt, obwohl sie äußerlich gleich aussehen.

Defizit oder Verlangen: zwei verschiedene Wege in die Untreue

Eine ältere, aber bis heute einflussreiche Unterscheidung stammt von Barta und Kiene: Sie trennen Motive, die auf ein wahrgenommenes Defizit in der Beziehung zurückgehen — emotionale Unzufriedenheit, sexuelle Unzufriedenheit, Vernachlässigung, auch Wut auf den Partner — von Beweggründen, die stärker in der Person selbst liegen, etwa einer ausgeprägten Neigung zu unverbindlicher sexueller Abwechslung (Barta & Kiene, 2005).

Diese Trennung ist für Betroffene entlastend und ernüchternd zugleich. Entlastend, weil sie zeigt: Ein Seitensprung ist nicht automatisch ein Urteil über den betrogenen Partner oder die Qualität der Beziehung. Ernüchternd, weil sie bedeutet: Auch eine gute Beziehung schützt nicht vollständig. Wer nach der Entdeckung einer Affäre reflexhaft bei sich selbst nach der Schuld sucht („Ich war nicht genug“), übernimmt damit häufig Verantwortung für Motive, die nie etwas mit ihm zu tun hatten — warum dieser Schmerz trotzdem so persönlich trifft, beschreiben wir unter warum Fremdgehen so weh tut.

Männer und Frauen: Unterschiede, die kleiner werden

Ein Klassiker der Untreue-Forschung ist die Untersuchung von Shirley Glass und Thomas Wright zu Geschlechtsunterschieden: Männer begründeten Affären demnach häufiger sexuell und konnten sie eher von Gefühlen trennen, Frauen begannen Außenbeziehungen häufiger aus emotionaler Unzufriedenheit und verbanden sie eher mit Verliebtheit (Glass & Wright, 1992). Neuere Arbeiten — auch die von Selterman — zeigen allerdings, dass sich diese Unterschiede eher als Tendenzen denn als Gesetzmäßigkeiten lesen lassen und sich die Muster der Geschlechter zunehmend annähern.

Wichtig ist die Unterscheidung trotzdem, denn sie erklärt zwei sehr verschiedene Affärentypen: den situativen Seitensprung ohne emotionale Beteiligung — und die emotionale Affäre, die oft lange ohne körperliche Ebene läuft und für die bestehende Beziehung nicht weniger gefährlich ist.

Die Rolle der Bindung: warum manche Menschen anfälliger sind

Neben Motiven und Beziehungsqualität gibt es einen dritten Faktor, der in der Forschung immer deutlicher hervortritt: das eigene Bindungsmuster. Aufbauend auf der Bindungstheorie von John Bowlby zeigen mehrere Studien, dass Menschen mit vermeidender Bindung — also einem tief sitzenden Unbehagen an zu viel Nähe und Abhängigkeit — messbar häufiger fremdgehen. In einer Serie von acht Untersuchungen fanden DeWall und Kollegen einen konsistenten Zusammenhang zwischen Bindungsvermeidung und Untreue, unabhängig von der Zufriedenheit mit der Beziehung: Die Außenbeziehung dient hier auch als Strategie, Distanz zum Partner zu wahren (DeWall et al., 2011).

Auch das Gegenteil kommt vor: Ängstlich gebundene Menschen können in einer Affäre die Bestätigung suchen, die sie in der eigenen Beziehung nie für gesichert halten. In beiden Fällen ist die Untreue weniger eine Aussage über den Partner als ein Echo alter Beziehungserfahrungen — ein Muster, das sich ohne bewusste Arbeit in jeder neuen Beziehung wiederholen kann.

Gelegenheit, Erosion, Grenzverschiebung: wie es „einfach passiert“

Viele, die fremdgegangen sind, sagen rückblickend: „Es hat sich eingeschlichen.“ Die Forschung nimmt diese Beschreibung ernst. Shirley Glass hat gezeigt, wie Affären häufig nicht mit einer Entscheidung beginnen, sondern mit einer schleichenden Verschiebung von Grenzen: Aus einer Freundschaft — oft am Arbeitsplatz — wird ein emotionales Zuhause, in dem mehr geteilt wird als in der eigenen Beziehung; die entscheidende Schwelle ist überschritten, wenn Vertraulichkeit gegenüber dem Dritten aufgebaut und gegenüber dem Partner Geheimhaltung praktiziert wird (Glass, 2003).

Dazu kommt die banale Macht der Gelegenheit: Dienstreisen, Alkohol, räumliche Distanz, ein Umfeld, in dem Untreue normalisiert ist. Nichts davon „verursacht“ einen Seitensprung — aber jede dieser Bedingungen senkt die Schwelle. Wer verstehen will, wie aus einzelnen Schritten ein Doppelleben wird, findet die typische Entwicklung hier nachgezeichnet: Was ist eine Affäre?

Was das für Sie bedeutet — je nachdem, wo Sie stehen

Wenn Sie betrogen wurden: Die Motivforschung kann Ihnen eine Last abnehmen, die Sie vielleicht gerade tragen — die Idee, der Seitensprung sei der Beweis Ihres eigenen Ungenügens. Die Datenlage sagt: Häufig liegt der Schwerpunkt der Erklärung in der Person, die fremdgegangen ist, in ihren Mustern und Gelegenheiten. Das nimmt dem Geschehenen nichts von seiner Schwere. Aber es sortiert die Verantwortung dorthin, wo sie hingehört.

Wenn Sie selbst fremdgegangen sind: „Warum habe ich das getan?“ ist die wichtigste Frage, die Sie sich jetzt stellen können — nicht als Selbstgeißelung, sondern als ehrliche Ursachensuche. War es Wut? Vernachlässigung? Bestätigungshunger? Ein altes Distanzmuster? Erst wenn Sie Ihr Motiv kennen, können Sie glaubwürdig Verantwortung übernehmen und verhindern, dass es sich wiederholt. Wie echte Verantwortung nach einem Seitensprung aussieht — und wie sie sich von bloßen Schuldgefühlen unterscheidet —, haben wir unter Reue nach dem Fremdgehen beschrieben.

Wenn Sie gemeinsam weitermachen wollen: Dann ist die Warum-Frage keine Einzelaufgabe, sondern der Kern der Aufarbeitung. Paare, die eine Affäre überstehen, tun das in aller Regel nicht, indem sie sie totschweigen, sondern indem beide verstehen, wie es dazu kommen konnte — und was sich ändern muss. Eine ehrliche Standortbestimmung kann dabei der erste Schritt sein: Der kostenlose Beziehungstest von PaarBalance zeigt Ihnen strukturiert, wo Ihre Beziehung steht und an welchen Stellen sie verwundbar geworden ist.

Dieser Artikel ersetzt keine professionelle Beratung oder Therapie.

Häufige Fragen

Gehen Menschen nur fremd, wenn die Beziehung schlecht ist?

Nein. Beziehungsunzufriedenheit erhöht das Risiko, ist aber nur einer von mehreren Wegen in die Untreue. Motive wie Selbstwertbestätigung, Abwechslung oder schlicht Gelegenheit treten auch in stabilen, als glücklich erlebten Beziehungen auf (Selterman, Garcia & Tsapelas, 2019).

Warum gehen Männer fremd — und ist das anders als bei Frauen?

Tendenziell begründeten Männer Untreue in Studien häufiger sexuell, Frauen häufiger emotional (Glass & Wright, 1992). Neuere Forschung zeigt aber große Überschneidungen — das Motivspektrum ist bei beiden Geschlechtern breit, und die Unterschiede schrumpfen.

Bedeutet ein Seitensprung, dass die Liebe weg ist?

Nicht zwingend. Nachlassende Liebe ist eines von acht belegten Motiven — in vielen Fällen bestehen Liebe zur Partnerin oder zum Partner und Untreue gleichzeitig, etwa wenn Bestätigung oder Distanzregulation das eigentliche Motiv war (Barta & Kiene, 2005; DeWall et al., 2011).

Geht jemand, der einmal fremdgegangen ist, immer wieder fremd?

Ein Automatismus ist das nicht — aber das Risiko ist real: In einer Längsschnittstudie hatten Personen, die in einer früheren Beziehung untreu waren, ein rund dreifach erhöhtes Risiko, auch in der nächsten Beziehung fremdzugehen (Knopp et al., 2017). Ob sich das Muster wiederholt, hängt wesentlich davon ab, ob die Ursachen verstanden und bearbeitet wurden — ein unreflektiertes Gelegenheits- oder Bindungsmuster wiederholt sich eher als ein aufgearbeiteter Krisen-Seitensprung.

Liegt die Ursache für Fremdgehen in der Kindheit?

Manchmal in Teilen. Bindungsmuster, die in frühen Beziehungen entstehen, beeinflussen nachweislich das Untreue-Risiko im Erwachsenenalter (DeWall et al., 2011). Sie sind aber kein Schicksal: Muster lassen sich erkennen und verändern — allein oder mit professioneller Unterstützung.

Verstehen als erster Schritt

Warum gehen Menschen fremd? Weil acht verschiedene Motive, alte Bindungsmuster und banale Gelegenheiten zusammenwirken können — in jeder Mischung, in fast jeder Beziehung. Diese Antwort ist unbequemer als ein einfaches Feindbild, aber sie ist die einzige, mit der sich arbeiten lässt: für Betrogene, die einordnen wollen, was geschehen ist, und für Paare, die entscheiden müssen, wie es weitergeht. Wenn Sie wissen möchten, wie tragfähig Ihre Beziehung heute ist, bietet der kostenlose Beziehungstest von PaarBalance eine ruhige, anonyme Standortbestimmung.

In einer akuten Krise sind Sie nicht allein. Die Telefonseelsorge ist rund um die Uhr unter 0800-1110111 erreichbar, kostenlos, anonym und an jedem Tag im Jahr.

Quellen

  • Selterman, D., Garcia, J. R., & Tsapelas, I. (2019). Motivations for extradyadic infidelity revisited. The Journal of Sex Research, 56(3), 273–286.
  • Barta, W. D., & Kiene, S. M. (2005). Motivations for infidelity in heterosexual dating couples: The roles of gender, personality differences, and sociosexual orientation. Journal of Social and Personal Relationships, 22(3), 339–360.
  • Glass, S. P., & Wright, T. L. (1992). Justifications for extramarital relationships: The association between attitudes, behaviors, and gender. The Journal of Sex Research, 29(3), 361–387.
  • DeWall, C. N., Lambert, N. M., Slotter, E. B., Pond, R. S., Deckman, T., Finkel, E. J., Luchies, L. B., & Fincham, F. D. (2011). So far away from one’s partner, yet so close to romantic alternatives: Avoidant attachment, interest in alternatives, and infidelity. Journal of Personality and Social Psychology, 101(6), 1302–1316.
  • Knopp, K., Scott, S., Ritchie, L., Rhoades, G. K., Markman, H. J., & Stanley, S. M. (2017). Once a cheater, always a cheater? Serial infidelity across subsequent relationships. Archives of Sexual Behavior, 46(8), 2301–2311.
  • Glass, S. P., & Staeheli, J. C. (2003). Not „Just Friends“: Rebuilding Trust and Recovering Your Sanity After Infidelity. New York: Free Press.

Redaktion Fremdgehen-Hilfe